Taube Finger – wann steckt die Halswirbelsäule dahinter?
von Dr. Gerd Jan Mengemann, Wirbelsäulenspezialist und Facharzt für Neurochirurgie
Viele Menschen kennen das Gefühl: Die Finger kribbeln, werden taub oder fühlen sich „wie eingeschlafen“ an. Häufig treten die Beschwerden zunächst nur gelegentlich auf – etwa nachts, nach längerem Sitzen oder bei bestimmten Bewegungen.
Deshalb werden sie oft über Monate oder sogar Jahre ignoriert.
Doch taube Finger sind keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom, das unterschiedliche Ursachen haben kann. Neben einem Karpaltunnelsyndrom oder Durchblutungsstörungen können auch Probleme der Halswirbelsäule dahinterstecken.
Gerade wenn die Beschwerden häufiger auftreten, sich verschlimmern oder zusätzlich Schmerzen und Kraftverlust hinzukommen, sollte eine fachärztliche Abklärung erfolgen. Denn je früher die Ursache erkannt wird, desto besser sind die Behandlungsmöglichkeiten.

Warum werden taube Finger häufig unterschätzt?
Viele Patienten vermuten zunächst harmlose Ursachen. Nicht selten werden die Beschwerden auf eine ungünstige Schlafposition, Stress oder eine vorübergehende Nervenreizung zurückgeführt.
Tatsächlich können taube Finger auch bei gesunden Menschen auftreten. Problematisch wird es jedoch, wenn die Symptome regelmäßig auftreten oder dauerhaft bestehen bleiben.
Besonders häufig suchen Patienten erst dann ärztliche Hilfe auf, wenn zusätzlich folgende Beschwerden auftreten:
Schmerzen im Nacken oder Arm
Kraftverlust in den Händen
Schwierigkeiten beim Greifen
Unsicherheit bei feinmotorischen Tätigkeiten
Ausstrahlende Schmerzen bis in die Schulter oder den Arm
Zunehmende Häufigkeit der Taubheitsgefühle
Kann die Halswirbelsäule taube Finger verursachen?
Ja. Eine häufige Ursache für Taubheitsgefühle in den Händen sind Erkrankungen der Halswirbelsäule. Zwischen den einzelnen Halswirbeln treten Nerven aus, die für die Versorgung von Armen und Händen verantwortlich sind. Werden diese Nerven eingeengt oder gereizt, können typische Beschwerden entstehen.
Zu den häufigsten Ursachen gehören:
Bandscheibenvorfall der Halswirbelsäule
Bei einem Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbelsäule kann ausgetretenes Bandscheibengewebe auf Nerven drücken. Die Folge sind häufig:
Taubheitsgefühle einzelner Finger
Kribbeln in Hand oder Arm
Schmerzen im Nacken
Ausstrahlende Schmerzen bis in Schulter und Arm
Kraftverlust beim Greifen oder Heben
Charakteristisch ist, dass die Beschwerden oft nur auf einer Körperseite auftreten. Viele Patienten berichten zusätzlich über Schmerzen, die vom Nacken bis in die Fingerspitzen ziehen.
Verschleiß der Halswirbelsäule
Auch altersbedingte Veränderungen der Wirbelsäule können Nerven einengen. Dabei entstehen häufig Beschwerden, die sich schleichend über Monate oder Jahre entwickeln. Besonders Patienten über 50 Jahre sind hiervon betroffen.
Typische Anzeichen sind:
Wiederkehrendes Kribbeln
Taubheitsgefühle in mehreren Fingern
Nackenverspannungen
Eingeschränkte Beweglichkeit der Halswirbelsäule
Zunehmende Beschwerden bei bestimmten Kopfbewegungen
Karpaltunnelsyndrom oder Halswirbelsäule – woran erkennt man den Unterschied?
Eine der häufigsten Ursachen für taube Finger ist das Karpaltunnelsyndrom. Dabei wird der sogenannte Medianusnerv im Bereich des Handgelenks eingeengt.
Für Patienten ist die Unterscheidung oft schwierig, da sich die Beschwerden teilweise ähneln. Einige Hinweise können jedoch helfen:
Typisch für ein Karpaltunnelsyndrom:
Taubheitsgefühl vor allem in Daumen, Zeige- und Mittelfinger
Beschwerden treten besonders nachts auf
Häufiges „Ausschütteln“ der Hände bringt kurzfristige Besserung
Weniger ausgeprägte Nackenschmerzen
Typisch für eine Ursache in der Halswirbelsäule:
Zusätzliche Nacken- oder Schulterschmerzen
Beschwerden strahlen in den Arm aus
Symptome verstärken sich bei bestimmten Kopfbewegungen
Häufig einseitige Beschwerden
Mögliche Schwäche der Arm- oder Handmuskulatur
Nicht selten liegen sogar beide Erkrankungen gleichzeitig vor. Deshalb ist eine genaue Untersuchung besonders wichtig.
Können Durchblutungsstörungen ebenfalls taube Finger verursachen?
Ja, allerdings zeigen sich hier meist andere Begleitsymptome. Durchblutungsstörungen führen häufig zu:
Kalten Händen
Blasser oder bläulicher Hautfarbe
Belastungsabhängigen Beschwerden
Allgemeinem Schwächegefühl der Hände
Im Gegensatz zu nervenbedingten Ursachen stehen hier meist weniger Kribbeln und mehr Kälte- oder Durchblutungsgefühle im Vordergrund.
Weitere mögliche Ursachen für taube Finger
Neben Erkrankungen der Halswirbelsäule, dem Karpaltunnelsyndrom und Durchblutungsstörungen gibt es weitere mögliche Auslöser:
Nervenengpasssyndrome im Bereich des Ellenbogens
Diabetes mellitus
Vitaminmangel
Entzündliche Nervenerkrankungen
Rheumatische Erkrankungen
Chronische Fehlhaltungen und muskuläre Verspannungen
Folgen von Unfällen oder Verletzungen
Da sich die verschiedenen Ursachen teilweise stark überschneiden können, ist eine fachärztliche Abklärung entscheidend.
Wann sollte man unbedingt einen Facharzt aufsuchen?
Viele Patienten warten zu lange ab und hoffen, dass die Beschwerden von selbst verschwinden. Dies kann problematisch sein, da länger bestehende Nervenschäden teilweise nicht mehr vollständig rückgängig gemacht werden können.
Eine rasche Untersuchung sollte erfolgen, wenn:
die Taubheitsgefühle regelmäßig auftreten,
die Beschwerden zunehmen,
zusätzlich Schmerzen auftreten,
Kraftverlust in der Hand bemerkt wird,
Gegenstände häufiger aus der Hand fallen,
beide Hände betroffen sind,
Gangunsicherheit oder Gleichgewichtsstörungen auftreten.
Wie erfolgt die Diagnose?
Die wichtigste Grundlage ist zunächst ein ausführliches Gespräch über die Beschwerden. Anschließend erfolgen eine klinische Untersuchung sowie gegebenenfalls weitere Untersuchungen wie:
Magnetresonanztomographie (MRT) der Halswirbelsäule,
Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen,
Ultraschalluntersuchungen,
gegebenenfalls ergänzende bildgebende Verfahren.
Erst durch die Kombination dieser Untersuchungen lässt sich die tatsächliche Ursache zuverlässig bestimmen.
Dem Facharzt für Neurochirurgie Dr. Gerd Jan Mengemann steht eine ganzheitliche und individuelle Behandlung immer im Vordergrund, sodass er sich auch genügend Zeit nimmt, um die Diagnose und die Behandlungsmöglichkeiten mit den Patienten ausführlich zu besprechen.
Fazit: Taube Finger sollten nicht ignoriert werden
Taube Finger sind ein häufiges Symptom, das viele unterschiedliche Ursachen haben kann. Neben einem Karpaltunnelsyndrom oder Durchblutungsstörungen spielen insbesondere Erkrankungen der Halswirbelsäule eine wichtige Rolle. Da Patienten die Beschwerden oft über lange Zeit unterschätzen, erfolgt die Diagnose nicht selten erst in einem fortgeschrittenen Stadium.
Eine frühzeitige neurologische Abklärung kann helfen, die Ursache rasch zu identifizieren und eine geeignete Behandlung einzuleiten.
Dr. Gerd Jan Mengemann, Facharzt für Neurochirurgie mit Zusatzqualifikationen in Sportmedizin, Manueller Medizin und Schmerztherapie, betreut Patienten mit Beschwerden der Halswirbelsäule sowie neurologischen Symptomen in seinen Ordinationen in Graz-Ragnitz und Graz-Wetzelsdorf.




